EVERY BODY beyond the norm

Eva Böhlen
HOCHSCHULE FÜR GESTALTUNG UND KUNST

Einleitung

Öffentliche Verkehrssysteme sind nicht neutral – ihr Design kann soziale Ungleichheiten verstärken. Das Forschungsprojekt «EVERY BODY beyond the norm» untersucht, wie systemische Diskriminierung im öffentlichen Nahverkehr Berns durch Design beeinflusst wird. Aus intersektionaler Perspektive analysiert das Projekt, wie unterschiedliche Faktoren Nutzungserfahrungen prägen. Ziel ist es, durch diese Forschung Inklusion und Sicherheit zu fördern und langfristig eine gerechtere, nachhaltige Stadtmobilität zu ermöglichen.

 

Disclaimer:

Der Begriff «Frau» wird in dieser Arbeit verwendet, da die Datenerhebung im Rahmen des binären Geschlechtersystems erfolgt. Er versteht sich nicht als essenzielle oder biologisch fixierte Kategorie, sondern als gesellschaftlich und kulturell konstruiertes Konzept, das historisch mit spezifischen Erwartungen, Rollen und Machtverhältnissen verbunden ist. Dabei werden unterschiedliche Geschlechtsidentitäten anerkannt. Diese Definition zielt darauf ab, den Begriff «Frau» inklusiv und zugleich kritisch zu nutzen, ohne die komplexe Realität von Geschlechtsidentitäten auszublenden (Schutzbach, 2021).

 

Das Forschungsprojekt «EVERY BODY beyond the norm» untersucht, wie systemische Ungleichheiten im öffentlichen Nahverkehr der Stadt Bern durch Design reproduziert und verstärkt werden. Aus einer intersektionalen Perspektive analysiert die Arbeit, wie soziale Kategorien wie Gender, soziale Klasse, Race oder körperliche Fähigkeiten die Nutzungserfahrungen beeinflussen. Ziel ist es, normative Strukturen im Verkehrssystem zu identifizieren und durch praxisnahe, normkritische Gestaltungsempfehlungen die Inklusion und Sicherheit marginalisierter Gruppen zu fördern. Die Forschung im öffentlichen Nahverkehr in Kombination mit ethnografischen und designkritischen Methoden bietet einen innovativen Ansatz, um die gesellschaftliche Verantwortung von Design sichtbar zu machen und eine gleichberechtigte Nutzung des öffentlichen Raums zu ermöglichen. Die Ergebnisse sollen sowohl kurzfristige Verbesserungen als auch langfristige Strategien für eine nachhaltige, inklusive Stadtmobilität liefern.

 

Die theoretische Grundlage bildet die Intersektionalitätstheorie von Kimberlé Crenshaw (1989), die die Wechselwirkungen verschiedener Diskriminierungsformen beleuchtet. Ergänzt wird dies durch feministische Theorien, Critical Design Studies und Critical Disability Studies, die die gesellschaftlichen Machtverhältnisse im Design sichtbar machen. Sarah Ahmed (2019) und Aimi Hamraie (2017) zeigen, wie Design auf einem normativen Nutzer:innenbild basiert und dadurch bestimmte Gruppen ausschliesst. Der Anthropologe Arturo Escobar fordert in «Designs for the Pluriverse» (2018) einen partizipativen, pluriversalen und dekolonialen Ansatz im Design, der Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Vielfalt in den Mittelpunkt stellt. Für den öffentlichen Verkehr bedeutet dies, dass Systeme geschaffen werden müssen, die die Bedürfnisse unterschiedlicher Gemeinschaften reflektieren, anstatt homogenisierte Normen durchzusetzen. Diese theoretischen Ansätze werden mit Methoden der Ethnografie, wie qualitativen Interviews, Mapping, Nutzer:innenbeobachtungen und visuellem Prototyping, kombiniert.

 

Die Relevanz der Erforschung der Mobilität aus einer intersektionalen Perspektive fundiert sich durch unterschiedliche Perspektiven. Der Tages Anzeiger (2021) berichtete, dass Frauen doppelt so oft wie Männer verunfallen, was in der öffentlichen Diskussion jedoch individualisiert und nicht als systemisches Problem erkannt wird. Criado-Perez (2020) und Endler (2021) zeigen auf, wie in Zusammenhang von Daten und Gestaltung die Anerkennung von Geschlecht und unterschiedlichen Bedürfnissen relevant sind. Es geht aber in dieser Forschung um mehr als Geschlecht, es geht darum, dass marginalisierte Gruppen einen erschwerten Alltag haben, der nebst den Strukturen durch Gestaltung verstärkt wird.

 

Die Art und Weise, wie Verkehrsräume gestaltet werden, beeinflusst, wer sie nutzen kann und wie sicher, zugänglich oder komfortabel sie für unterschiedliche Gruppen sind. Es ist ein Fakt, dass Frauen während der Nutzung des öffentlichen Verkehrs am Abend und in der Nachts potenziellen Übergriffen ausgesetzt sind (Alfaro et al., 2024). Dies kann während der Nutzung geschehen, oder auch danach. Die Infrastruktur rund um den öffentlichen Verkehr spielt dabei eine grosse Rolle. Ist die Unterführung gut beleuchtet und die Umgebung belebt? Menschen mit Behinderungen oder ältere Personen werden durch unzureichende Infrastruktur an der Nutzung gehindert oder sind durch die hohe Geschwindigkeit überfordert. Menschen mit Migrationshintergrund können zusätzlich durch soziale Diskriminierung oder Racial Profiling ausgeschlossen werden oder in gefährliche Situationen kommen. Design trägt dabei wesentlich dazu bei, diese Erfahrungen entweder zu verschlechtern oder zu optimieren.

 

Die Forschungsfrage lautet: Welche Machtverhältnisse, die sich aus der Gestaltung des öffentlichen Verkehrs ergeben, führen zu Diskriminierungen, und wie sind diese im Design impliziert? 

Inwiefern beeinflusst das Design öffentlicher Verkehrssysteme die Nutzungserfahrungen und den Zugang für verschiedene marginalisierte Gruppen, die durch Überschneidungen sozialer Kategorien wie Gender, Race, soziale Klasse, Fähigkeit, sexuelle Orientierung, Alter sowie Körperform und -grösse geprägt sind?

 

Wie kann durch Design das normative Denken aufgebrochen werden, ohne dabei neue Probleme zu schaffen? 

 

Die empirische Forschung umfasst 39 Interviews mit Nutzer:innen und Expert:innen, darunter Designer:innen, Bernmobil-Dozierende wie auch Studierende des «Masterʼs Programme in Transportation Design» aus Umeå. Die Auswertung der Interviews sowie die Erkenntnisse aus ergänzenden Methoden, wie beispielsweise der systematischen Beobachtung, ermöglichen die Unterteilung der primären Befunde auf zwei Analyseebenen. Es lassen sich zum einen das Design der Infrastruktur, das Sitze, Haltestangen, Trittbretter, Licht, flexible Flächen etc. umfasst, und zum anderen die systemische Infrastruktur, bestehend aus Zugang zu Haltestellen, Ticketpreisen, Fahrplänen, Liniennetzen usw., unterscheiden. Der Fokus dieser Forschung liegt auf dem Innenbereich der öffentlichen Verkehrsmittel. Jedoch können die beiden Ebenen nicht losgelöst voneinander betrachtet werden und stehen in einer wechselseitigen Abhängigkeit. Dieses Verständnis ist zentral. Dabei wurden von den Interviewten Themen wie das Ein- und Aussteigen, die Lichtsituation und der Durchgang von vorne bis hinten genannt. Beobachtungen der Nutzungssituation verdeutlichen zudem, dass die Nutzung öffentlicher Nahverkehrsmittel während der Stosszeiten für bestimmte Personengruppen mit erhöhtem Stress verbunden ist, insbesondere wenn es sich nicht um sogenannte «Normkörper» handelt. Menschen mit Rollstühlen oder Kinderwagen müssen bei überfüllten Verkehrsmitteln häufig so lange warten, bis ein Fahrzeug einfährt, das noch Platz bietet.

 

Die Ausstellung «Kreise ziehen» des FHNW-Förderprogramms Incubator for Design Cultures bot eine spannende Möglichkeit, erste Erkenntnisse durch gestalterische Interventionen zu überprüfen. Die Interviews zeigten, dass der Diskurs über Design mit Nicht-Designer:innen eine Herausforderung darstellt, da Design im Alltag oft unsichtbar bleibt.

 

Aus diesem Grund entstand die Idee, für die Ausstellung verschiedene Haltestangen zu gestalten, die das Thema des Festhaltens aufgreifen und übertrieben reflektieren. Dazu wurden fünf unterschiedliche Haltestangen entwickelt. Nicht als Lösungen, sondern als Denkanstösse, um die Betrachtenden zur Auseinandersetzung mit Haltestangen und Sicherheit anzuregen.

Zusätzlich wurden visuelle Fragebögen entwickelt, um in den Interviews den Austausch über Gestaltung zu erleichtern. Ausserdem wurden Nutzungssituationen visualisiert, um die Thematik greifbarer zu machen.

Das Projekt kann in einem nächsten Schritt bei der Stiftung für Prävention der AXA eingereicht werden. Dieser Fond unterstützt Forschungsprojekte, die in Zusammenhang mit der Sicherheit im urbanen Strassenverkehr stehen. Ziel dieser Förderung ist die Verbesserung der Verkehrssicherheit. Mit ihrem vielfältigen Fokus entspricht das Projekt «EVERY BODY beyond the norm» genau diesem Kriterium. Neben der AXA kann diese Forschung auch für andere Versicherungen interessant sein.

Langfristig zielt das Projekt darauf ab, nicht nur die physischen Strukturen des öffentlichen Verkehrs zu verbessern, sondern auch das Bewusstsein für die sozialen Dimensionen von Mobilität zu schärfen. Dies umfasst die Anerkennung der Vielfalt der Nutzer:innen und die Schaffung eines Verkehrssystems, das die Bedürfnisse aller Menschen respektiert und fördert. Die Forschung zeigt, dass inklusives Design nicht nur die Lebensqualität der Nutzer:innen verbessert, sondern auch zur sozialen Kohäsion und Gerechtigkeit in der Gesellschaft beiträgt.

 

 

Quellen:

Ahmed, S. (2019). What’s the use? On the uses of use. Duke University Press.

Alfaro, E., Llamazares, F. J., & Useche, S. A. (2024). What makes female commuters ‘unhappy’? Harassment, fear of crime, and unsought travel behavioral adaptations in public transport against life satisfaction. Journal of Transport & Health, 37, 101835. https://doi.org/10.1016/j.jth.2024.101835

Crenshaw, K. (1989). Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics. Chicago Unbound. http://chicagounbound.uchicago.edu/uclf/vol1989/iss1/8

Criado-Perez, C. (with Singh, S.). (2020). Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert (Dt. Erstausg., 9. Aufl.). btb. 

Endler, R. (2021). Das Patriarchat der Dinge: Warum die Welt Frauen nicht passt (2. Aufl.). DuMont.

Escobar, A. (2018). Designs for the pluriverse: Radical interdependence, autonomy, and the making of worlds. Duke University Press.

Gamp, R., & Cornehls, S. 30. (August 2021). Diskriminierung im ÖV? – Frauen verunfallen doppelt so oft wie Männer. Tages-Anzeiger. https://www.tagesanzeiger.ch/frauen-verunfallen-doppelt-so-oft-wie-maenner-327166680901

Hamraie, A. (2017). Building access: Universal design and the politics of disability. University of Minnesota Press.

Schutzbach, F. (2021). Die Erschöpfung der Frauen: Wider die weibliche Verfügbarkeit. Droemer.